Bericht Blumenturnier

von Sebastian Beer

 

Als Stadtkind habe ich einen angeborene Respekt vor Pflanzen. In meiner Wohnung findet sich keine einzige, mein Büro zierte eine Zeit lang eine einsame Sukkulente, bis ich es geschafft habe... aber das wäre eine andere Geschichte. Belassen wir es dabei, dass mein Büro seit kurzem wieder pflanzenlos ist.

 

Michael weiß also genau was er mir antut, als er mich zum Waldviertler Blumenturnier einlädt. Seit ich öfter mit ihm im BCW spiele, habe ich den Club und sein Stammpublikum ebenso schätzen gelernt, wie seine gastronomischen Thementurniere; mit Würstel und Knödel muss man mich schließlich nicht lange locken. Der Sinn eines "Blumenturniers" hat sich mir allerdings bislang noch nicht ganz erschlossen, die kulinarischen Möglichkeiten schienen jedenfalls noch nicht vollständig ausgereizt: Schweinsbraten, Wild, Karpfen, irgendwas mit Mohn... Michael ist aber sehr überzeugend, vor allem wenn es um Bridge geht. Insofern finde ich mich Wochen später vor einem Wirtshaustisch in Jetzles wieder, der sich unter dem Gewicht von Dutzenden Blumenstöcken biegt. Michael macht mich mit den Preisgewächsen bekannt. "Das sind Margeriten, Sebastian. Hier ein Rhododendron, Mittagsblumen, ..." er bemerkt meinen Blick, der auf einem unscheinbaren Stock in der zweiten Reihe ruht. "Das ist Lavendel. Hält lang, blüht schön, riecht gut!" Hallo, Lavendel - ich habe ein Ziel.

 

Zur thematischen Einstimmung nimmt uns Margit mit auf eine imaginierte Blumenwiese. Wir schließen die Augen und verwandeln uns gedanklich in bunte Blumen. Ich gebe mir mit der Transformation redlich Mühe - wie fühlt sich wohl so ein Blümlein? Wie steht es zur Hummel? Zur Biene? Michael ist auch schon ganz entspannt. Gut so - wenn er mit mir spielt, ist er sonst immer ganz aufgeregt. Das ist zwar irgendwie lieb, aber dem Bridge sicher nicht zuträglich.

 

Wir legen los in der für uns typischen Manier: ein gutes Ergebnis, gefolgt von einem schlechten. Unglaublicher Top, peinlicher Nuller. Bipolares Bridge. Liegts an meinem Übermut? Ein Board geht wunderbar, es packt mich der Spielrausch, ich schlage alle Vorsicht in den Wind: Absturz. Ein gutes Beispiel ist die folgende Partie.

Ich halte auf West:

Dxx

K

Kx

AKBxxxx

 

Kein schlechtes Blatt. Blöd, dass der Gegner auf Nord mit (1K) eröffnet und sein Partner (1H) antwortet. Ich halte mit 2T dagegen, links folgt wie zu erwarten (2H), da findet Michael seine Stimme in diesem Lizit und sagt 3T. Das enthusiasmiert mich derart, dass ich auf die (3H) von rechts gar nicht anders kann, als 4T zu sagen. Sobald das Gebot liegt, bereue ich es allerdings auch schon wieder. Blöde Euphorie! Was sollen die Gegner jetzt auch anderes sagen als (4H), die sehr wahrscheinlich gehen? Und tatsächlich: auf Nord zögert man mit dem (4H)-Gebot keine Sekunde. Zwei grüne Karten später muss ich entscheiden, ob ich mit 5T verteidige, oder die 4H fallen sehe. 5T sind chancenlos, da ich alleine in den roten Farben drei Verlierer vermute. Aus dem gleichen Grund sind allerdings 4H vermutlich aufzulegen. Die Manchenlage ist günstig und ich bin unternehmungslustig: 5T. Das zu erwartende Kontra bleibt aus - allerdings legt West tatsächlich die 5H-Karte auf den Tisch. Ich bin vorsichtig zufrieden. 5T wird fallen, 4H vermutlich erfüllen und sollte 5H fallen müsste das ein gutes Board für uns werden. Ich zücke mein Treff-Ass und der Tisch geht auf:

 

AB

xxxx

ADTxx

xx

 

Alle drei geben zu. Wo kommen jetzt unsere anderen beiden Stiche her? Falls mein Partner den Pik König hat, werden wir hier wohl einen Stich machen. Eventuell spielt West auch sofort den Herz-Impass, dann käme mein Single-König zu Stich. Ich muss also verhindern, dass sich Süd genötigt fühlt, das Herz-Ass zu schlagen, also wäre es eine gute Idee, Nord zu Stich zu bringen. Mir kommt ein raffinierter Einfall: ich spiele zunächst eine kleine Karo. Das bringt mehrere Vorteile:

1) Der Gegner wird nicht erwarten, dass ich vom Double-König wegspiele, und muss sich erst einmal trauen, die Dame zu nehmen.

2) Selbst WENN er den Karo-Impass spielt, wird er als nächstes wohl den Herz-Impass spielen, den mein König gewinnt. Dann kann ich immer noch Pik spielen.

 

Nur nicht zu lange zögern und gleich die kleine Karo gespielt. Tatsächlich: Süd denkt gute 3 Minuten, bevor er die Dame ordert. Leider hat er soweit alles richtig gemacht. Jetzt spielt er wie erwartet eine kleine Herz. Was ich allerdings nicht erwartet habe: Michael spielt das Ass und "verhaftet" meinen König. Na gut, das war zwar so nicht geplant, aber immerhin unser zweiter Stich. Leider ist das gute Pik-Nachspiel, das den Faller bedeuten würde (Michael hat tatsächlich den König) von seiner Seite nicht zu sehen und er spielt Treff nach. Süd schnappt, spielt die Karo am Tisch hoch und wirft alle seine Pik ab. 11 Stiche gemacht - als einziger im Saal. Der Nuller für uns, und wohl verdient. Man soll nicht kompliziert denken. Bridge ist oft ein eher einfaches Spiel...

 

Neben nicht so inspiriertem Gegenspiel kommt dann auch noch Pech dazu. Wir halten:

Kxx

109x

Kxx

Bxxx

 

 

D

ABxxx

Axxx

KDx

 

und erreichen mit mutigem Lizit 4H. Als einzige im Saal, wie sich später herausstellen sollte. Links spielt man den Pik Buben aus, meine Dame fällt unter das Ass. Falls es mir gelingt, die Treff hochzuspielen, kann ich zwei Karo abwerfen und die Partie vielleicht sogar erfüllen, wenn nicht beide Herz-Figuren hinter dem Ass stehen. Auf das Pik-Rückspiel werfe ich also eine Karo ab und lege den Herz-Zehner auf. Als von rechts eine kleine Karo kommt, kann ich mir ausrechnen, dass meine Chancen, die Partie zu erfüllen, gerade entscheidend gesunken sind. Den 5:0-Stand hatte ich nicht auf der Rechnung. "Einmal nicht" und der Nuller über den Saal.

 

Einen versöhnlichen Abschluss finden wir im buchstäblich letzten Board des Turniers. Hier zeigt unser ausgefeiltes Lizit endlich, was es kann. Auf West bekomme ich eine Erstrunden-Eröffnung in Herz zugeteilt.

Axx

ABxxx

-

DB10xx

 

Michael erfreut mich mit einem 2NT-Gebot, das nicht nur 4er-Anschluss und ausreichend Punkte für die Manche verspricht, sondern auch eine präzise Bietsequenz auslöst, die sich in etwa so anhört:

 

1H - 2NT

3H ("Freu mich über deinen guten Anschluss und darf dir mitteilen, dass ich neben einer primären Hand mit 5er Herz auch noch über ein Chicane verfüge")

3P ("Das ist ja aufregend, das könnte meine Hand eventuell stark aufwerten. In welcher Farbe bist Du denn chicane?")

4T ("In Karo - hilft dir das was weiter?")

4NT ("In der Tat. Wir haben in allen Farben zumindest eine Zweitrundenkontrolle. Jetzt würden mich noch die Anzahl deiner Keycards, also Asse bzw. Atout-König, interessieren!")

5H ("Ich habe 2 Keycards, aber nicht die Atout-Dame. Und jetzt?")

6H ("Volle Kanne, Partner - jetzt spielen wir Schlemm!")

 

Einen eher punkteschwachen Schlemm, um genau zu sein, der allerdings aufzulegen ist.

 

Ost hält:

Kxxx

K10xxxx

Ax

x

 

Leider ist das nicht einmal der Top, ein anderes Paar hat den Schlemm nicht nur gefunden, sondern sogar im Kontra erfüllen dürfen. Vermutlich hat sich hier Süd in das Lizit eingemischt. Man hält KDB10xxxx in Karo, weswegen auch an unserem Tisch kurz überlegt wurde, unsere schöne Bietsequenz zu stören. Auf 3K hätten wir allerdings auch noch eine zielführende Vereinbarung gehabt (Kontra bedeutet Single in Gegners Farbe. Überruf, also 4K, bedeutet Chicane) - auf das durchaus zu rechtfertigende 5K hätten wir den Schlemm allerdings nur noch auf gut Glück ansagen können, woraufhin Nord mit AKxx in Treff wahrscheinlich kontriert hätte. Am zweiten Tisch, an dem der Schlemm angesagt und kontriert wurde, könnte das so ähnlich passiert sein.

 

Gewonnen haben letztlich souverän und mit großem Vorsprung Sieglinde Romeder und Gerhard Wustinger. Gratulation!

 

Und in meinem Büro steht seit kurzem ein Stock Lavendel. Blüht tatsächlich schön und riecht tatsächlich gut. Wie lange er hält, muss ich aber ein anderes Mal berichten.